Von Ralf Bittner

Bünde. Der Konflikt um das syrische Idlib und die Reaktion der Türkei, die Grenzen Richtung Griechenland und damit Europa für Geflüchtete zu öffnen, hat den Syrien-Konflikt wieder ins Bewusstsein der deutschen Öffentlichkeit gebracht: „Mit der Aktion will Erdogan militärischen Beistand der Nato, Geld und Waffen aus Europa erpressen“, sagte Murat Yilmaz, der auf Einladung von Aleviten-Gemeinde und Verein International über die Situation in Nordsyrien referierte.

Yilmaz, Mitglied der Partei Die Linke, lieferte einen kenntnisreichen Vortrag zur Geschichte eines Konfliktes, dessen Wurzeln für ihn im späten 19. Jahrhundert liegen, als sich die Kolonialmächte – damals vor allem England und Frankreich – den Zugang zu Erdöl und Einflusssphären sicherten. Nach der Niederlage des Osmanischen Reiches im Ersten Weltkrieg schufen die Kolonialmächte in Grundzügen den Nahen Osten wie er heute ist. In der Türkei entstand eine nationalistische Befreiungsbewegung an deren Ende eine Türkei unter Kemal Atatürk entstand. Der wird bis heute als Modernisierer gesehen, der das Land nach Westen öffnete. 

Yilmaz sieht das anders: „Das war ein Despot, der gegen Minderheiten und politische Gegner gnadenlos vorging. Unter anderem verhängte er in den kurdischen Gebieten 1925 einen Ausnahmezustand, der bis 2002 bestand. Bis heute ist die Region durch ein Ringen verschiedener Mächte geprägt. So ist die umkämpfte Region Idlib von einem Ring türkischer, iranischer und russischer Kontrollposten umgeben. Auch die USA, England, Frankreich, China und Deutschland sind vor Ort“, sagt Yilmaz, „nur nicht so offensichtlich“. 

Im Zweifel heißt es immer: Alle gegen die Kurden“  

Die Türkei rechtfertige ihr Expansionsstreben und die Feldzüge „Operation Friedensquelle“ 2019 und aktuell „Frühlingsschild“ auf syrischem Boden als Verteidigung gegen Terrorismus. Die Operationen werden von Kritikern als völkerrechtswidrig verurteilt, die Türkei beruft sich auf das Adana-Abkommen von 1998, in dem die „Arbeiterpartei Kurdistans“ (PKK) zur Terrororganisation erklärt wurde. Außerdem verpflichtete sich Syrien, PKK-Aktivitäten auf seinem Territorium zu unterbinden und es erlaubt der Türkei bis zu 15 Kilometer tief auf syrischem Gebiet gegen die PKK vorzugehen. Dort sind heute aber nicht die PKK, sondern mehrheitlich kurdische, multiethnische und multireligiöse „Volksbefreiungseinheiten“ (YPG) aktiv, die von NATO, EU und Deutschland als militärische Partner im Kampf gegen den IS geschätzt, gleichzeitig aber wegen der Einstufung als Tarnorganisation der PKK durch die Türkei in Deutschland mit Repressionen überzogen werden.  

Anders als die frühe PKK streben die Kurden heute keinen eigenen Staat mehr an, sondern einen Autonomiestatus ähnlich den Schweizer Kantonen. Damit wäre es Aufgabe Syriens, die kurdischen Gebiete an der Grenze zur Türkei gegen Erdogans Truppen zu verteidigen, eine Konstellation an die Yilmaz nicht so recht glaubt.  

Im Zweifel heißt es immer, alle gegen die Kurden, egal wie unterschiedlich die Interessen sonst sind“, sagt er. Mit „alle“ meint er die vier Staaten mit großen kurdischen Minderheiten Türkei, Iran, Irak und Syrien. Außerdem hätte die Geschichte der Türkei gezeigt, dass die Türkei auf Autonomieforderungen mit Umsiedlungen, Vertreibungen, Repression und notfalls brutalster Gewalt bis zum Völkermord reagiere. 

Yilmaz sieht aber auch einen Hoffnungsschimmer: bei den Kommunalwahlen in der Türkei konnte die sozialdemokratische CHP viele Oberbürgermeisterposten in den Großstädten erringen, auch weil die mehrheitlich kurdische HDP keine eigenen Kandidaten aufgestellt hatte, und so die Stimmen der Opposition auf einen Kandidaten bündeln konnte.
 

Kooperation und miteinander reden ist der einzige Weg zum Frieden“, glaubt Yilmaz, und die Konflikte nicht weiter mit Waffenlieferungen und Geld anzuheizen: „So werden auch die Fluchtursachen beseitigt.“ Und damit kommt er am Ende eines langen Vortragsabends doch noch in der Innenpolitik an.

 



 

 Nur mäßige Beteiligung beim Aufruf des Bünder Mai-Komitees. Beim Aufruf hatte es im Vorfeld Verwirrungen gegeben, weil das Datum nicht klar definiert worden war.

 Von Thorsten Mailänder


Siegbert Ruppel (Mitte mit Mikrofon) begrüßt für das Mai-Komitee die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Mahnwache.                                                       Foto: privat

Bünde. Das Bünder Mai-Komitee hatte spontan für Samstagmittag zu einer Mahnwache nach dem rechten Terroranschlag im hessischen Hanau in der Bünder Innenstadt aufgerufen. Beim Aufruf hatte es im Vorfeld Verwirrungen gegeben, weil das Datum nicht klar definiert worden war. Darum kamen auch weniger Bürger als erhofft.  

Anfangs waren einige Interessierte von Sonntagmittag als Termin ausgegangen, weil im Aufruf über das Soziale Netzwerk Facebook von „Morgen 12 Uhr“ die Rede war. Dieses Missverständnis sorgte für deutliche weniger Teilnehmer an der Mahnwache, als es sich die Veranstalter erhofft hatten – knapp 150 Personen nahm an der halbstündigen Veranstaltung teil.

Klare Kante gegen rechtes Gedankengut  

Zahlreiche Redner nutzten die Gelegenheit, um klare Kante gegen die AfD zu zeigen. „Wir sind wütend, wenn sich innerhalb staatlicher Sicherheitsbehörden wie der Polizei oder der Bundeswehr rechtes Gedankengut verbreiten kann, wie etwa bei der Frankfurter Polizei“, sagte der Bielefelder Ismail Tas vom NRW-Landesvorstand der Alevitischen Gemeinde Deutschland. Er kritisierte die Wahl von Thomas Kemmerich zum thüringischen Ministerpräsidenten mit den Stimmen der AfD scharf.  

Der Bünder Ratsherr Elmar Holstiege von den Grünen äußerte die Hoffnung, dass in Berlin die Botschaft angekommen sei und es ein echtes Umdenken gibt. „Es darf keinen weiteren ,Fliegenschiss’ in unserer Geschichte geben. Wir wollen keine Gaulands und sonstige Gefolgsleute“, sagte Holstiege.  

Die beiden Bürgermeisterkandidatinnen Stefanie Janßen-Rickmann (Bündnis 90/Die Grünen) und Susanne Rutenkröger (SPD) möchten Bünde weltoffen und bunt sehen. Die beiden Frauen betonten an dieser Stelle keinen Wahlkampf machen zu wollen und gemeinsam gegen rechtes Gedankengut einzutreten.  

Information: Das Mai-Komitee
Das Mai-Komitee Bünde besteht aus den Institutionen der Aleviten-Gemeinde, des Deutschen Gewerkschaftsbundes Ortsverein Bünde, dem Verein International und der „Villa Kunterbunt".

 

 

 

Auszeichnungen: Vereine und Institutionen aus Ostwestfalen-Lippe erhalten für Ideen zur „Neuen Vielfalt in der Gesellschaft“ Fördergelder

Von Dirk-Ulrich Brüggemann

Münster/Bielefeld. Insgesamt 18 Bürgerprojekte, die sich um das Zusammenwachsen der Gesellschaft bemühen, hat die PSD-Bank jetzt ausgezeichnet. Auch in diesem Jahr hat die Bank für das PSD-Bürgerprojekt „Die neue Vielfalt unserer Gesellschaft“ wieder Preisgelder in Höhe von 50.000 Euro zur Verfügung gestellt.

So konnte sich die Nachbarschaft Paderborn Ost für ihr Projekt „Erster Internationaler Bürgerbrunch“, mit dem die Vielfalt im Quartier sichtbar gemacht werden soll, über ein Preisgeld von 2.000 Euro freuen. Ebenfalls 2.000 Euro bekommt der Nachbarschaftsrat Ostmannturmviertel aus Bielefeld für das Projekt „Weg mit dem Müll“, dass sich um die Beseitigung von Hundehaufen im Stadtviertel kümmert. Auch der Kirchenkreis Vlotho erhält eine Fördersumme von 2.000 Euro für das Projekt „Wie geht online?“. Die Mitglieder haben sich auf die Fahne geschrieben, älteren Menschen die Digitalisierung näher zu bringen. Auch das Jugendtrainingslager der SG Handball Detmold war der Jury ein Preisgeld von 2.000 Euro wert. Seit sechs Jahren führt der Verein das siebentägige Trainingslager für Kinder und Jugendliche im Alter von acht bis 16 Jahren durch.

2.000 Euro gibt es ebenfalls für den Verein International Bünde und seine Weiterentwicklung der Fahrradwerkstatt.

3.000 Euro erhält der Sozialdienst katholischer Frauen aus Gütersloh für das Projekt „Franz & Carla“, in dem Menschen mit besonderer Bedürftigkeit wirkliche gesellschaftliche Teilhabe erfahren.

Ebenfalls 3.000 Euro erhält der Malteser Hilfsdienst Gütersloh für sein Projekt „Schulsanitäter“, in dem junge Schüler an ehrenamtliche Arbeit und gesellschaftliche Dienste herangeführt werden. Auch die Elterninitiative Handicap Kidz aus Delbrück darf sich über die Summe von 3.000 Euro für das „Inklusive Spielfest“ freuen. Dieses Familienfest soll am 30. August 2020 in Delbrück stattfinden.

Der größte Förderbetrag, 6.000 Euro, ging nach Gronau, wo der DRK-Ortsverein gemeinsam mit 25 Partnerorganisationen das „GroNet – Netzwerk Migration“ ins Leben gerufen hat. Das Netzwerk richtet eine Vielzahl von Veranstaltungen aus, darunter Jugend-, Ausbildungs- und Migrationsberatung.

 

 Von Stefan Boscher

 Welche Gruppen und Organisationen bemühen sich besonders um den Zusammenhalt in der Gesellschaft bzw. um deren Vielfalt? Das Bürgerprojekt der PSD-Bank in Münster hat sie in diesem Jahr gefunden und mit ihrem Bürgerpreis ausgezeichnet. Insgesamt wurden 50.000 Euro an 18 Projekte vergeben.  

Die Neue Westfälische ist gemeinsam mit den Westfälischen Nachrichten (Münster) Medienpartner der Aktion. „Es ist unsere genossenschaftliche Verpflichtung und zudem eine echte Herzensangelegenheit, Vereine, Stiftungen, Kirchengemeinden, Bürger- und sonstige Initiativen darin zu unterstützen, gesellschaftliche Brücken zu bauen und das Thema „Vielfalt“ positiv zu besetzen“, begründet Norbert Kerkhoff, Vorstand der Bank das Thema des Preises während einer Feierstunde in Münster.  

Der Bünder Verein International ist 1987 gegründet worden und hat heute 60 Mitglieder. Sein Organisationsprinzip ist die Hilfe zur Selbsthilfe. Bei allen Angeboten des Vereins gibt es unterschiedliche Formen von Selbstbeteiligung. Die vielfältige Vereinsarbeit wird begleitet von Infoveranstaltungen z.B. zu Fluchtursachen, Situation in Türkei, Syrien, Eritrea, Rolle des Islam, Asylrecht, Abschiebungspraxis.  

Zudem geht es um Angebote zur Begegnung mit der heimischen Bevölkerung und zur Integration. Die Anfänge einer Fahrradwerkstatt liegen im November 2014. Mit dem Fahrrad soll die Mobilität der Flüchtlinge gewährleistet und verbessert werden. Zudem ist das Fahrrad ein preiswertes und umweltfreundliches Fortbewegungsmittel und dient dazu, den sozialen Nahraum in Bünde und Umgebung zu erkunden. So gesehen stellt es auch indirekt ein Instrument zur Integration in den Alltag dar.  

Seit 2017 arbeitet ein Fahrradmechaniker sporadisch parallel zum Sprachcafé in der Werkstatt. Seit Beginn des Projekts konnten rund 200 gebrauchte Fahrräder gegen eine adäquate Selbstbeteiligung an Interessierte vermittelt werden. Die Räder sind zumeist Spenden aus der Bünder Bevölkerung. Sie sind zum Teil hochgradig abgenutzt und erfordern einen dauerhaft hohen Reparaturaufwand. Von daher wäre es nachhaltiger, zumindest für einen ausgewählten Personenkreis hochwertigere Räder zu beschaffen, die eine längerfristigere Nutzung erwarten lassen.  

Um diese Arbeit erneut zu unterstützen erkannte die Jury dem Verein 2.000 Euro Preisgeld zu. 2018 hatte der Verein schon einmal gewonnen, damals waren es ebenfalls 2.000 Euro.

 



 

Arbeitseinsatz: Im nächsten Jahr soll es um das Dietrich-Bonhoeffer-Haus bunt blühen. Auch an der Arche Noah und an der Versöhnungskirche in Südlengern soll der klassische Rasen verschwinden  

Von Thorsten Mailänder 

Bünde(tma). Schon am frühen Samstagmorgen trafen sich fleißige Helfer der Evangelischen Lydia-Gemeinde Bünde, des Vereins International und des Naturschutzbunds (NABU) unterhalb der Laurentiuskirche in der Bünder Innenstadt auf dem Außengelände des Dietrich-Bonhoeffer-Hauses, um den bisherigen grünen Rasen in eine Blühwiese zu verwandeln.

Wir wollen ein Zeichen gegen das Insektensterben setzen,“ sagt Otto Pollner von der Lydia-Gemeinde. Rund 25 Personen arbeiteten auf der Fläche. Der bisherige Rasen wurde umgefräst und so die alten Graswurzeln aus dem Erdreich gerissen. Von Hand wurde ein Gemisch aus Kräuter-und Rasensamen mit etwas Sand auf die Fläche gebracht und später gewalzt. „Die Mischung besteht nur aus heimischen Kräutern und enthält keine Exoten“, sagt Friedhelm Diebrok vom NABU.
Er zeigt eine Liste, auf der die Gewöhnliche Schafgarbe, Wiesensalbei, Rauer Löwenzahn, Gelbklee oder Spitzwegerich aufgeführt sind. Im nächsten Jahr soll die Fläche mit einer Blühwiese versehen sein. Durch die Maßnahme soll der Lebensraum von bedrohten Insektenarten in der Innenstadt verbessert werden. Schon in diesem Frühjahr hatte die Lydia-Gemeinde eine ähnlich Aktion an der Arche-Noah durchgeführt – mit mäßigem Erfolg. „Durch die gerinnen Niederschläge im Laufe des Jahres ist leider fast nichts aufgegangen. Wir hoffen auf Regen im Herbst“, sagte Diebrok.
Die Lydia-Gemeinde plant auch an der Südlengeraner Versöhnungskirche, den Rasen durch eine Blühwiese zu ersetzen.